Aktueller Standort

Aktueller Standort seit 07. Mai 2011: Wedel und Hamburg, Deutschland

Montag, 4. April 2011

Pura Vida




Sámara / Pazifik
Costa Rica ist nicht nur das Land der vielen verschiedenen Nationalparks. Es gibt reichlich Küste mit ebenso vielen Stränden, von denen wir nach und nach einige Besuche. Pura vida ist nicht nur der offizielle Werbeslogan des Landes, pura vida erleben wir nahezu überall, vor allem aber am Meer.
Zunächst führt uns der Weg nach Sámara an der Pazifikküste. Wir fahren durch die grüne, hügelige Landschaft, bis wir am Abend „Coco Camping“ finden. Der kleine Campingplatz liegt traumhaft schön direkt am palmengesäumten Sandstrand. Von unserem Platz aus beobachten wir Wellenreiter und Kitesurfer. Uns macht es riesigen Spaß in der tosenden Brandung zu baden, was gar nicht so leicht ist, obwohl die Wellen hier dank eines vorgelagerten Riffs gar nicht mal extrem hoch sind. Der Strand ist weitläufig, lädt zu langen Spaziergängen ein. Am Abend gibt’s auf unserem Campingplatz sogar Beleuchtung gratis. Das Licht wird – im wahrsten Sinne des Wortes – angedreht, nämlich dann, wenn Jesús, der Campgroundbesitzer, die Glühbirnen in ihren Fassungen festdreht. Pura Vida in Costa Rica kommt ohne einen Hauptschalter aus.
Kaum, dass wir uns auf Coco Camping häuslich eingerichtet haben hören wir einen weiteren Wagen vorfahren. Zu uns gesellt sich eine Familie aus Sachsen. Die vier – Thomas, Bettina sowie die Kinder Linus und Lennie, sind seit mehreren Monaten in einem Polo unterwegs . Ihre Route ist – verglichen mit anderen Panamericana-Reisenden – eher etwas ungewöhnlich: Start Zuhause, über Osteuropa, die Türkei, Syrien, Jordanien und Israel bis nach Ägypten. Von dort haben sie nach Mexiko verschifft. Allein die Verschiffungsepisode, die Bettina und Thomas abends bei einem Glas Rotwein zum Besten geben, könnte ein Buch füllen. Man kann sich vorstellen, dass die „Polo-Familie“, andere Erlebnisse zu berichten hat als unsere Panam-Kollegen.

Montezuma auf der Halbinsel Nicoya / Pazifik
 Vom Pazifik mit seiner tosenden Brandung noch nicht genug, geht es weiter zur Halbinsel Nicoya. Die meisten Wege sind nur während der Trockenzeit befahrbar, was wir versuchen, doch mangels Orientierungshilfen und fehlender Beschilderungen nach einer Stunde aufgeben. Wir entschließen uns für die deutlich längere Route, um nach Montezuma zu kommen, was wir erst weit nach Einbruch der Dunkelheit erreichen. Auch hier gibt es einen Campingplatz direkt am Strand! Super schön. (Der Strand, nicht der Campingplatz!) Der kleine Ort ist „very touristy“ und von Backpackern fast überlaufen, wartet allerdings mit Annehmlichkeiten wie Internetcafé, Bäckerei und Restaurants auf, was ja auch was für sich hat und ist längst kein Geheimtipp mehr. Dennoch lohnt sich ein Besuch, wie wir finden.

Punta Uva / Karibik
Auch hier müssen wir allerdings wieder feststellen, dass es oft anders kommt als man denkt. Pläne, erst vor wenigen Stunden eifrig und voller Begeisterung gemacht, werden hoffnungslos durchkreuzt, müssen aufgegeben, durch neue ersetzt oder komplett verworfen werden. Das, was eben noch galt, kann längst überholt sein, wenn man es (endlich) gefunden hat: eine Straße ist gesperrt, die Dusche ist gerade kaputt, die Fähre fährt nur noch zweimal wöchentlich, die Beschreibung ist schlecht, der Fisch ist aus. War man vor dieser Reise nicht schon flexibel, auf ihr wird man es mit Sicherheit.
Möwe auf der Halbinsel Nicoya
In Montezuma erhalten wir nächtens nachbarschaftlichen Zuwachs einer Gruppe junger Burschen. Es ist Wochenende und auch die Städter wollen mal raus. Klar, Zelte sind aufzubauen, das kann dauern, und mündliche Abstimmungen sind erforderlich. Dafür hat man Verständnis, auch, wenn die Pazifikwellen nicht jedes Geräusch übertönen. Autotüren klappen x-fach auf und zu, Zeltgestänge scheppert. Auf den erfolgreichen Aufbau des Lagers muss anschließend angestoßen werden. Ein, zwei Bier, die müssen jetzt sein. Es hebt die Stimmung, vor allem ab dem dritten geht es munter hoch her. Ist der Landy nebst Dachzelt wohl übersehen worden? Aber wie das? Schließlich haben die Jungs ihre Zelte unmittelbar neben uns aufgeschlagen. Und das, obwohl wir bis dato die Einzigen Camper auf diesem Platz waren. Sprich: die Jungs hätten ihre Zelte auch 20m, 50m oder besser 100m weiter links oder rechts von uns aufbauen können. „Silencio, mamma mía!“, brüllt Fred nach 3 Stunden Schlafunterbrechung in die laue Sommernacht. Trotz des spansich-italienischen Mischmaschs herrscht plötzlich Ruhe. Na, wer sagt´s denn, geht doch!

Die Party wird am nächsten Abend sicher weitergehen, weshalb wir es vorziehen den Strand zu wechseln. Es gibt ja zum Glück ein paar mehr davon. Wir machen uns uns auf die zweistündige Fahrt nach Malpais. Wieder haben wir Glück, wieder können wir direkt am Wasser stehen und dem Meeresrauschen lauschen. Der Tidenhub, so kommt es uns vor, ist hier in dieser Bucht am Pazifik besonders groß. Bei Ebbe wird ein „kleines Gebirge“ vom Wasser preisgegeben, das zu kleinen Klettertouren einlädt.

Wir lassen es uns auch hier gut gehen, genießen pura vida in Costa Rica. Zum Abendessen gibt’s Fisch und einen tollen Sonnenuntergang ganz exklusiv, denn außer uns ist niemand weit und breit.

Die Mülltüte mit den Fischresten wandert an einen Haken, den wir oben am Auto, hoch über dem Boden befestigen, bevor wir uns schlafen legen. Nachts um 3 werden wir jäh geweckt. Es hört sich an, als ob die Hecktür zuklappen würde. Sofort springt Fred aus dem Zelt und sieht im Schein des Vollmondes ein Tier davonlaufen. Bei näherem Hinsehen erkennen wir Gevatter Kater, der wohl, vom Fischgeruch angezogen, versuchte sich einen Anteil zu stibitzen und dabei nicht ganz lautlos zugange war. Uns hat´s einen ordentlichen Schrecken versetzt!


Malpais, Halbinsel Nicoya / Pazifik
 Am nächsten Morgen Lagebesprechung und Studium der Karte. Wohin als nächstes? Wie wäre es mit einem erneuten Karibikversuch? Es wäre doch gelacht, wenn wir nach unserem nassen Karibikabenteuer in Honduras nicht doch noch Karibikflair erleben würden!
Die Fahrt über eine sehr gut asphaltierte Straße führt uns durch zahlreiche Bananenplantagen und mitten hinein in die feucht-heiße Ebene der südlichen costaricanischen Karibik. Puerto Limón gilt als wichtigster Hafen des Landes, was die vielen Containerterminals, die wir passieren und die vielen LKW, die uns überholen, beweisen. Die letzten 50 Kilometer fahren wir parallel zur Küste Richtung Süden; kommen gegen Abend in Cahuita, dicht zur panamesischen Grenze, an. Bei der „Reggae Bar“ nächtigen wir, zirkeln uns zuvor auf eine große Rasenfläche durch das enge Tor hindurch, welches danach zugenagelt wird. „Die meinen´s gut mit der Sicherheit“, schießt es uns durch den Kopf und staunen wenige Augenblicke nicht schlecht, als ein Lieferwagen direkt durch den kaputten Zaun gefahren kommt! So wäre für uns auch leichter gewesen, das Grundstück zu erreichen.

Am kommenden Tag fahren wir weiter Richtung Nationalpark Gandoca-Manzanillo. Unterwegs winken uns Langzeitradler Lukas und Melanie aus Luzern zu, weshalb wir spontan anhalten für einen kurzen Plausch. Schade, dass die zwei sich bereits auf der Rückreise befinden. Sie haben aber noch einen entscheidenden Tipp für uns: Punta Uva! Auf geht’s, den Platz suchen, wovon vor allem Melanie so schwärmt. Wir halten Ausschau und erblicken plötzlich ein ziviles Auto neben uns. Aus dem herunter gekurbelten Fenster wird eine Marke an einem Band herausgehalten. Das ganze sieht irgendwie filmreif aus, wirkt aber auf den ersten Blick nicht besonders echt und professionell. Der Wagen trägt keine Aufschrift, die Insassen keine Uniform. Unweigerlich denken wir an eine getürkte Kontrolle, halten dennoch an, denn, so erkennen wir, lautet die Aufforderung. Ein Mann und eine Frau steigen aus dem Wagen, der nun vor uns mit laufendem Motor parkt. Sie kommen auf uns zu. Beide sind bewaffnet. Die Frau fordert uns auf unsere Papiere zu zeigen, will auch die Auto-Import-Erlaubnis sehen. Noch immer skeptisch fragen wir dezidiert nach, was diese Kontrolle bedeute und fordern die Beiden unsererseits auf uns ihre Dienstausweise zu zeigen. Wir ernten zunächst erstaunte Gesichter, doch der Mann, der neben der Frau steht, zückt daraufhin ein Dokument aus seiner Tasche. Wir studieren den Ausweis und atmen erstmal durch. Es handelt sich offenbar um eine echte Kontrolle. Es stellt sich heraus, dass wir es es hier mit Zivilbeamten der Immigration zu tun haben. Nachdem das geklärt ist händigen wir unsere laminierten Farbkopien aus und reichen auch das car permit durch´s Fenster. Letzteres ist das Dokument, das bei der Einreise versehentlich mit einer falschen Fahrgestellnummer ausgestellt worden war und weswegen wir die ganze Prozedur zweimal durchlaufen mussten. Nun sind wir froh, diesen extra-Aufwand damals nicht gescheut zu haben. Diese kurze Episode zeigt mal wieder, wie wichtig es ist, alles genau zu überprüfen. Nach kurzem Check unserer Papiere und Übereinstimmung der VIN (Fahrgestellnummer) dürfen wir weiterfahren, alles ist in bester Ordnung.

Punta Uva / Karibik
Wir finden den Platz zum campen in der Nähe eines Restaurants fast sofort, sind ebenso angetan wie die beiden Schweizer. Inmitten eines Palmenhains, direkt am Strand und dem türkisfarbenen, warmen Wasser des karibischen Meeres lassen wir uns nieder. Es ist traumhaft schön, genau so wie man es sich immer vorstellt und wie Hochglanzprospekte die Karibik versprechen. Der Bilderbuchstrand inkl. Korallenriff direkt vor der Landy-Tür! Was will man mehr? Pura Vida!

Affenbande



Den Tipp, bei schweizer Finca-Besitzern die erste Nacht in Costa Rica zu verbringen, verpassen wir, fahren glatt daran vorbei. Auch gut, kaufen wir erstmal ein. In La Cruz „stürmen“ wir einen Supermarkt, um unsere Vorräte aufzufüllen. Es gibt alles, was das Herz begehrt. Sogar Nutella finden wir hier wieder. Wir sind nicht wenig erstaunt über die hohen Preise, die fast europäisches Niveau erreichen. Damit ist nicht das Nutella gemeint, das hier umgerechnet 4,50 Euro kostet. Das kleine Glas wohlbemerkt. Wir wussten schon, dass Costa Rica teuer sein würde, doch so teuer? Es nützt nichts, der Mensch muss ja von was leben und wegen der höheren Kosten auf „pura vida“ verzichten? Nein, das wollen wir nicht. Im Markt treffen wir einen „jungen Bekannten“ wieder, einen etwa 10jährigen Jungen, der zuschaut wie wir Käse und Joghurt in den Einkaufswagen legen. Er ist barfuß, hat zerzauste Haare und zeichnet sich vor allem durch sein keckes Lachen aus. Rebecca spricht ihn an: „Hey, hola, Dich kennen wir doch, nicht wahr?“ „Sí“, antwortet er lachend, „Du bist die Frau, die Kindern kein Geld gibt“. Der Kleine hatte uns am Grenzübergang angebettelt und ist leer ausgegangen, denn unser Prinzip lautet: kein Geld an Kinder! (wir haben ihm stattdessen Bananen geschenkt).


Als der Kühlschrank gefüllt ist machen wir uns auf den Weg zum Nationalpark Santa Rosa. Laut Karte gibt es dort einen echten Campingplatz, was doch eine nette Abwechslung ist zu den sonstigen Stellplätzen, die wir in den vergangenen Monaten erlebt haben. Wir sprechen gerade die Einzelheiten mit dem Ranger am Eingang durch, als hinter uns ein Camper hält. Herausgeklettert kommen Bernd und Manu, ein deutsches Paar, dass hier ebenfalls campen möchte. Wir verbringen zwei sehr angenehme Tage mit den beiden. Die Runde wird durch Lena und Jacqueline, ebenfalls aus Deutschland und mit dem Rucksack unterwegs, erweitert. Bei Salchicha Bratwurst, Spaghetti mit Scampi, Wassermelone, honduranischem Rum und nicaraguanischem Bier steht einem „Deutschen Abend“ nichts mehr im Wege.


Als wir später am Abend Zähne putzend am Landy stehen entdeckt Rebecca im Schein ihrer Stirnlampe noch einen schwarzen Käfer, der ihr fast über den kleinen Zeh läuft. „Oh schau, der ist aber riesig!“ Fred zieht sie sofort etwas zur Seite, denn bei genauer Betrachtung entpupt sich der große Käfer als ein ausgewachsener Scorpion. Den Schwanz hat er eingerollt, weshalb er bei schwachem Licht und von oben betrachtet, nicht sofort als Scorpion auszumachen ist. Der „Käfer“, der nun von 2 Lampen geblendet wird, ist allerdings nicht weiter an uns interessiert und zieht sich ins Unterholz zurück.


Der Nationalpark Santa Rosa nimmt die gesamte Halbinsel Santa Elena ein und befindet sich im Nordwesten des Landes. Flora und Fauna werden geprägt durch einen ausgedehnten Trockenwald, der in der Trockenzeit – also genau jetzt – einen etwas desolaten Zustand macht, da dann viele Bäume ihre Blätter abwerfen. 155 Säugetierarten leben im Park. Zwei davon kriegen wir zu Gesicht: eine Familie Damwild umrundet das Camp und die Affenbande Kapuzin schaut zum Frühstück vorbei!



Sonntag, 3. April 2011

Von Nicaragua nach Costa Rica

Bei unserem 8. Grenzübertritt erleben wir nun das, was wir zuvor bereits sieben Mal befürchtet hatten: Chaos! Fröhlich und voller Vorfreude auf Costa Rica fahren wir auf der Panamericana Richtung Grenzübergang Las Penas. Auf der Strecke dorthin herrscht wenig Verkehr, weshalb wir uns sehr wundern, als mehrere Kilometer vor der Grenze eine lange Schlange LKW´s beginnt. Die Genossen vom Transportwesen stehen und es sieht nicht danach aus, als würden sie in naher Zukunft weiterfahren. Was ist hier los? Es sind noch gut 2 km bis zur Grenze. Hoffentlich müssen wir uns nicht hinten anstellen, denn dann würden wir Costa Rica sicher erst in ein paar Tagen zu Gesicht bekommen. Wir müssen uns nicht hinten anstellen, können zum Glück an den Brummis vorbeifahren, bis uns ein Uniformierter kurz vor der Grenze abrupt stoppt. „Hay que pagar la municipalidad“ (was soviel bedeutet wie: es wird eine Gemeindegebühr erhoben). Der „freundlichen“ Aufforderung des Offiziellen Folge leistend bezahlen wir; weder wissend für was noch wofür. Doch der „nette“ Herr zeigt sich derart bestimmt, dass eine Frage nach dem Wofür vermutlich nichts bringen würde. Also schnell bezahlen, was es zu bezahlen gibt und weiter.


Die Abfertigung der LKW dauert sicher mehrere Stunden
An der Grenze hängen sich 4 oder 5 „Schlepper“, die uns bei den Grenzformalitäten behilflich sein wollen, an den Wagen und reden, der Eine lauter als der Andere, pausenlos und wild gestikulierend auf uns ein. Erst nachdem Fred die Jungs lautstark ins „Achtung“ stellt ist endlich Ruhe. Diese Sprache verstehen sie. Anschließend verschwindet Fred kurz in einem Häuschen, um eine Minute später mit zwei kleinen Zahlbelegen, die an Kinokarten erinnern, wieder herauszukommen.

Die nächste Station ist die Immigration, wie wir auf Nachfrage erfahren. „Wo ist die denn?“, fragen wir weiter. „Da hinten“, ist die Antwort eines Beamten. „Wo denn dahinten?“, wollen wir wissen. „Das Haus links“, kriegen wir daraufhin gesagt. Wir schauen nach „da hinten“ und nach „links“. Tatsächlich, da befinden sich ca. 100m entfernt etliche Gebäude. Keines ist gekennzeichnet, zumindest ist von unserem Standpunkt aus nichts zu sehen. Wir fahren erstmal nach links und halten Ausschau. Vor einem der Gebäude, dem wir uns langsam nähern, tummeln sich verdächtig viele Menschen. Offensichtlich sind wir richtig, um hier unsere nicaraguanischen Ausreisestempel abzuholen. Gesagt, getan. Nach 10 Minuten sind wir fertig und fragen, was wir jetzt machen sollen, da wir ja noch ein Auto auszuführen haben. „Polizei und Zoll“, lautet die knappe Antwort. „Was denn zuerst“, fragen wir. „Polizei, dann Zoll“, sagt uns der Uniformträger, der uns eben den Stempel in den Pass gedrückt hatte. „Wo ist denn die Polizei und wo der Zoll?“, wollen wir nun erfahren. „Da drüben“, sagt der Uniformierte. „Wo da drüben? Mehr da drüben oder mehr dort drüben?“ fragen wir weiter und weisen auf unterschiedliche Gebäude. „Genau gegenüber“, erfahren wir. Wir bedanken uns für die kompetente Hilfe, setzen uns ins Auto und fahren nach „genau gegenüber“, was sich als riesiger Platz darstellt, auf dem es von bunten Bussen, alten PKWs und Koffer schleppenden Menschen nur so wimmelt. Wir gehen über eine Treppe eine Rampe hoch, wo wir einen weiteren Uniformierten ansprechen, dem wir unser Anliegen vortragen. Wir zeigen ihm unsere Auto-Import-Erlaubnis für Nicaragua und sagen ihm, dass wir eine Ausfuhrbestätigung benötigen. Der Mann ist wenig interessiert, fühlt sich offenbar nicht zuständig. Charmant aber hartnäckig insistiert Rebecca bis er uns schließlich einen Unterschriftskringel auf das offizielle Import-Dokument setzt. Wir sind etwas erstaunt über dieses Prozedere, aber gut, wenn es so läuft, dann ist das eben so.

Obwohl auch bei der Immigration Betrieb herrscht gibt´s den Ausreisestempel sehr schnell
un fragen wir nach der Polizei, die dieses Dokument ja auch noch abzeichnen muss. „Der Polizist läuft irgendwo hier rum“, heißt es. Wir suchen mit Argusaugen den riesigen Platz ab, können aber keinen Polizisten entdecken. „Vielleicht macht er gerade Mittag“, lautet die Erklärung, als wir uns wieder an den Zollbeamten wenden. „Ist das der einzige Polizeivertreter? Gibt es keine Kollegen?“, wollen wir wissen. „Nee, nee, der macht das alleine. Da ist sonst keiner“, sagt der Mann vom Zoll. Verdutzt, dass an diesem großen Grenzübergang, an dem soviel Betrieb herrscht, nur ein einziger Polizist Dienst schiebt, begeben wir uns auf die Suche und haben nach 10 Minuten endlich Glück. Kollege Polizist läuft uns zufällig in die Arme. Wieder berichten wir, was wir wollen. Kaum haben wir geendet, blitzt ein Kugelschreiber in der Hand des Staatsdieners auf, womit ein weiterer Unterschriftskringel auf dem Autodokument erscheint. Das Auto zu dem Dokument will er übrigens nicht sehen. Wir wollen noch wissen, ob das alles sei und wir nun fertig seien, woraufhin der Polizist uns erklärt, dass wir nun nach Costa Rica fahren können. Keine Stunde nach unserer Ankunft an der Grenze haben wir auf nicaraguanischer Seite alles erledigt, was wir für die Ausreise benötigen. „Super“, denken wir, „das klappt ja alles wie am Schnürchen, wenn auch etwas unkonventionell“.

Der Schlagbaum öffnet sich für uns erst beim 2. Versuch
Der besteigen den Landy und nähern uns dem Schlagbaum, dem letzten „Hindernis“ auf Nica-Seite, um das Land zu verlassen, zeigen unsere Papiere einem Mitarbeiter vom Zoll und – er reklamiert einen fehlenden Stempel der Polizei. Sämtliche Erklärungen, die wir liefern, nützen nichts. Die Leichtigkeit, mit der wir zuvor bedient wurden, stößt nun an ihre Grenze, im wahrsten Sinne des Wortes. Der Mann vom Schlagbaum bleibt eisern, schickt uns zurück, um den fehlenden Stempel zu holen. Zähneknirschend drehen wir, um den Mann von der Polizei erneut aufzusuchen, doch diesmal bekommen wir ihn nicht zu fassen. Wir gehen zu unserem „Bekannten“ vom Zoll, der auf der Rampe Dienst tut und fragen, ob es nicht evtl. doch noch einen anderen Polizisten gäbe und dass es sehr schön wäre, wenn dieser einen Stempel bei sich hätte, weil der Kollege vom Schlagbaum uns sonst nicht ausreisen lassen würde. Wir sollen nun zum Haus mit der Antenne gehen. Also gut, Haus mit Antenne suchen.

Es gibt zum Glück nur zwei davon, was das Finden erleichtert. Wir geraten an einer ältere Dame, die sich ebenfalls als Zollmitarbeiterin darstellt. Wir tragen unser Anliegen abermals vor und werden an den Kollegen auf der Rampe verwiesen, also an den Zollbeamten, der sich zuvor nicht zuständig gefühlt hatte. Da wir nicht glauben können, dass seit unserer kürzlichen Begegnung sich seine (gefühlte) Zuständigkeit drastisch geändert hat, erklären wir, dass dieser besagte Kollege evtl. nicht der richtige sei und man uns ja schließlich auch gesagt habe, dass wir zu dem Haus mit der Antenne gehen sollten, was ja nun zweifelsohne dieses hier sei und der Kollege von der Rampe uns hierher zu ihr geschickt hätte. Die Dame überlegt, tippt irgendwas in ihren Computer und stempelt unser Papier wortlos ab. Yeah, fehlt nur noch der Polizeistempel. Glücklicherweise sitzt eine Frau Polizistin gleich nebenan und da Frau Zoll schon gestempelt hat wird auf ein Gespräch mit uns komplett verzichtet. Ohne auch nur ein einziges Wort verlauten zu lassen wird der Stempel erteilt. Happy, alles beisammen zu haben, fahren wir zu Herrn Schlagbaum. Der erkennt uns sofort wieder, ist auch ganz happy und erklärt uns, dass das doch eigentlich alles ganz einfach gewesen sei.

Die Prozesse, so weit wir das erkennen können, existieren. Es gibt genaue Abfolgen und jeder Einzelne weiß, was er tun muss (meistens jedenfalls). Nur zwischen den einzelnen Stationen hapert es mitunter gewaltig, herrscht teilweise das reinste Chaos. Hier auf Nica-Seite war es extrem konfus und für Außenstehende nicht im geringsten nachvollziehbar. Vor allem, da offensichtlich reines Bequatschen, bitten und drängen zum gewünschten Ergebnis führt.

Ein Grenzübergang wäre nur ein halber Grenzübergang, wenn die andere Seite der Grenze fehlte. Auch in Costa Rica ist eine Menge los. Bevor wir auch nur eine Reifenumdrehung auf costaricanischem Boden machen dürfen müssen wir den Wagen desinfizieren. Wir fahren also durch eine entsprechende Anlage, wie wir sie schon aus vorangehenden Ländern kennengelernt hatten. Das ganze ist natürlich kostenpflichtig und wir löhnen umgerechnet ca. 3,50 Euro. Direkt im Anschluss daran fahren wir beim Büro der Einwanderungsbehörde vor. Noch während des Einparkens ergaunert sich ein Schlepper unsere Gunst. Dieses Mal ist es zwar einer von der netten Sorte, dennoch wollen wir ihm zu verstehen geben, dass wir auf seine Dienste gerne zurückgreifen, wenn wir selbst nicht weiterkommen. Unser „Muy bien“ aber deutet er als Auftragsbestätigung. Die kommenden 1,5 Stunden laufen wir also mit unserem Grenzhelfer Denis umher. Er klebt wie eine Klette an uns und erläutert uns zweisprachig – englisch und spanisch – was wo wie zu tun ist und welche Papiere benötigt werden. Denis erweist sich als nicht ganz sinnlose Hilfe, vor allem nach dem Chaos auf der nicaraguanischen Seite sind wir doch froh, die Unterstützung eines „Experten“ zu haben. Denis kennt alle Gebäude und alle darin arbeitenden Personen. Es ist das erste mal, dass wir uns einem Grenzschlepper anvertrauen, der, mangels Kleingeld, ziemlich gut entlohnt wird für seine Dienste.

Die Desinfizierungsanlage
Den Einreisestempel gibt’s schnell und komplikationslos. Für den Wagen geht es vorbei an endlos parkenden Lastwagen. Wir finden bis zu Letzt nicht heraus, warum sich so viele der LKW´s hier offensichtlich stauen. Die Wartezeit für ihre Ein- bzw. Ausreiseprozedere muss mehrere Stunden, wenn nicht gar Tage, dauern. Einige von Ihnen nutzen die Zeit an der Grenze, um einmal so richtig abzuhängen. Sie haben sich Hängematten unter dem Anhänger aufgespannt, wo sie geduldig im Schatten ihres LKWs schaukeln, bis sie an der Reihe sind.

Siesta während des langen Wartens
r den Landy ist, wie immer, eine temporäre Einfuhrerlaubnis notwendig. Eine halbe Stunde nachdem wir am entsprechendem Schalter vorstellig wurden, sowie 3 Kopien später, sind wir fertig. Zur Sicherheit überprüfen wir, bereits im Wagen sitzend, noch einmal die Dokumente, die für unser Vehikel ausgestellt wurden. Dabei stellen wir fest, dass sich ein Tippfehler im Feld Fahrgestellnummer befindet. Sicherheitshalber gehen wir zurück und lassen das korrigieren, was uns nochmal gut 15 Minuten kostet. Und das auch nur, weil wir uns nicht noch einmal ganz hinten an die Schlange anstellen sondern direkt am Schalter vordrängeln. Der Beamte ist zwar wenig entzückt uns wegen dieser „Kleinigkeit“ ein neues Dokument auszustellen, tut es aber dennoch ohne weitere Worte zu verlieren. Später soll sich herausstellen, dass es goldrichtig war ein neues Dokument ohne Tippfehler anzufordern.

Nach gut 3 Stunden haben wir es geschafft. Costa Rica liegt vor uns, das 8. Land unserer Reise.



























Dienstag, 29. März 2011

Isla de Ometepe



„Wollt ihr noch mit?“, ruft uns der Uniformierte am Hafentor von San Jorge entgegen, als er uns sieht. „Wenn ja, beeilt Euch, wir legen gleich ab“. Wir nehmen also die Beine in die Hand und Fred sprintet zum Häuschen der Hafenmeisterei, um die Hafensteuer zu entrichten. Danach geht es mit rasender Geschwindigkeit den Pier entlang und rauf auf die „Che Guevara“, eine der Autofähren, die auf dem Nicaragua See verkehren und die uns in einer einstündigen Fahrt nach Moyogalpa auf der Isla de Ometepe bringt. Wir sind froh, hier noch mitzukommen, denn es ist die letzte Überfahrt des Tages. Im Schein der untergehenden Sonne (mit einem fernsehschauenden Kapitän auf der Brücke) nähern wir uns eines der Wahrzeichen Nicaraguas. Die Insel Ometepe wird voll und ganz von ihren beiden Vulkanen Concepción und Maderas beherrscht, die im Abendlicht rötlich leuchten. Noch bevor wir in Moyogalpa anlegen sind beide von der Dunkelheit verschluckt. Wir beschließen im Hafen der Inselhauptstadt zu übernachten, klappen schon mal das Zelt auf und setzen uns auf eine nahe gelegene Bank, um dem abendlichen Treiben noch zuzuschauen, bevor es für uns „gute Nacht“ heißt. Ein Pferd läuft vorbei, doch wir können sein Interesse nicht wecken. Auch die Straßenhunde nehmen heute keine Notiz von uns. Bei näherer Betrachtung unseres Umfelds entdecken wir jede Menge Geschäfte und Lokale, deren Schotten bereits dicht sind und vor denen nach und nach Wächter Position beziehen. In dieser Nacht sind es sicher 10, von denen wir behütet werden!

Gegen 1 Uhr nachts werden wir geweckt. Es geht recht fröhlich zu auf dem Platz vor dem Land Rover, denn lautes Gelächter dringt durch unsere dünne Zeltwand. Wir schauen schlaftrunken nach draußen. Im Schein der einzigen funktionierenden Straßenlaterne stehen 8 Männer zusammen. Es sind die Nachtwächter, die, wohl um sich die Langeweile zu vertreiben, gegenseitig Anekdoten zum Besten geben. Während die Wächter fröhlich plaudern und offenbar ihren Spaß haben, haben wir nicht nur Mühe den Worten zu folgen, sondern auch den unterbrochenen Schlaf fortzusetzen.

Man hatte uns am Vorabend gewarnt. Der Hafenalltag beginnt früh. Gegen 5 Uhr am kommenden Morgen fahren die ersten Busse, die den öffentlichen Nahverkehr auf den beiden Inselhälften bestreiten, vor. Die ersten Inselbewohner wollen übersetzen auf´s Festland, um einer Arbeit nachzugehen, Einkäufe zu erledigen oder etwas von ihren Produkten auf dem Markt zu verkaufen. Die zunehmende Geräuschkulisse macht ein Weiterschlafen unmöglich. Auch wollen wir nicht in diesem Gewimmel, unter den Augen der Öffentlichkeit, frühstücken. Noch bevor die erste Fähre ablegt befinden wir uns auf dem Weg nach San Marcos. „Wo geht’s zum Seeufer?“, fragen wir an einer Straßenkreuzung die dort Stehenden. „Dort lang“, lautet die Antwort, so dass wir nach links abbiegen und uns kurz darauf auf der Gemeindeallmende wiederfinden. Hier ist nicht nur die öffentliche Badeanstalt und Wäscherei, hierher werden auch die Tiere zur Tränke geführt und das Wasser für den Haushalt geholt. Das lauschige Plätzchen gibt uns einen guten Einblick in das Leben des dörflichen Nicaraguas. Eine Kuhherde umringt uns und schnüffelt neugierig am Wagen. Das würden die Menschen, die sich zu früher Stunde bereits eingefunden haben, wohl am liebsten auch tun, zumindest ihren Blicken nach zu urteilen. Nicht nur wir sehen Interessantes, auch wir sind interessant für andere.


Wir beschließen inmitten dieser Kulisse zu frühstücken, um dem Treiben weiter zuzuschauen. Das, was wir hier erleben, findet vermutlich seit eh und je so statt. Kaum zu glauben. Wir fragen uns, ob wir wirklich im 21. Jahrhundert sind. Es kommt uns vor, als wären wir um 100 Jahre zurück versetzt. Dabei ist die Insel eines der touristischen Top-Ziele in Nica-Land (vielleicht genau deswegen), was sich in der großen Zahl Besucher sowie entsprechender Infrastruktur niederschlägt. Dennoch: Nirgends sonst kreuzen so viele Ochsenkarren unseren Weg, begegnen wir so zahlreichen Reitern und so wenigen Privatfahrzeugen (ausgenommen denen, die die Touris umherfahren). Die Vegetation ist üppig grün; es gibt viele Bananen-Plantagen und immer wieder schöne Ausblicke auf den See. Angeblich verfügt Isla de Ometepe über 78 Kilometern befestigte Straße. Wir finden an diesem Tag ungefähr 3 davon, was die Frage aufwirft, ob sich vielleicht ein Druckfehler in den Reiseführer verirrt hat.

Nach unserem Frühstück zuckeln wir langsam über zum Teil katastrophale Straßen an riesigen Mangobäumen vorbei, die ganze Allen bilden, immer begleitet von grandiosen Ausblicken auf den Vulkan Concepción. Ein tolles Erlebnis.


Wir essen in einem kleinen Restaurant am See zu Mittag, bevor wir uns auf den Rückweg machen. Der Tag ist sehr heiß und staubig. Ein erfrischendes Bad in einem Mineralwasser-Pool, soll uns die notwendige Abkühlung bringen. Wir besuchen Ojo de Agua, wo reinstes Wasser aus einer unterirdischen Quelle an die Erdoberfläche sprudelt, plantschen im angenehm temperierten Nass und dürfen hier sogar die Nacht verbringen, so dass der kommende Tag so beginnt, wie der vorangegangene endete: wir baden. Der Pool ist riesig, das Wasser glasklar, sogar kleine Fische sehen wir.


Am nächsten Morgen schauen Yerdi und Juana vorbei, die ihre Mutter zum Waschtag begleitet haben, denn das Wasser aus der Quelle gilt als das beste der ganzen Insel. Die beiden Kinder werden von uns mit Marmeladenbroten verwöhnt, während ihre Mama fleißig Wäsche sauberrubbelt. Der Berg Kleidung, der durch die abgearbeiteten Hände der Frau wandert, ist riesig. Einmal in der Woche kommt sie hierher, um mehrere Stunden hintereinander (3-4 Stunden), selbst bis zur Hüfte im Wasser stehend, die Kleidungsstücke einzuweichen, einzuseifen, zu rubbeln und zu wringen.

Nach 2 Inseltagen lockt das Festland wieder. Wir treten die Rückfahrt nach Moyogalpa an, wofür wir eine andere Route wählen. Siehe da, die bisher nicht gefundenen, restlichen 75 Kilometer befestigte Straße liegen vor uns. Der Reiseführer hatte also doch recht, was sich für uns natürlich als vorteilhaft erweist: wir kommen schneller voran, können unterwegs noch gemütlich zu Mittag essen und der Wagen staubt nicht so ein.

Nachdem wir vor dem Büro des Fähranbieters geparkt haben besorgen wir die Fährpassage und laufen gleich noch schnell rüber zur Hafenmeisterei, die nur 50 Meter entfernt ist, um die obligatorische Hafensteuer zu entrichten. Der Schalter ist geschlossen, Mittagspause. Wir beschließen, später nochmal wiederzukommen. Die Fähre fährt erst am späten Nachmittag und uns bleiben 3 Stunden Zeit, die wir nutzen, um uns den Ort anzuschauen. Als wir nach einer halben Stunde – länger dauert das nicht – zurück sind schauen wir nochmal bei der Hafenmeisterei vorbei, doch der Kollege ist noch zur Pause. „Na, macht ja nichts, ist ja noch Zeit bis zur Abfahrt“. Wir setzen uns in den Landy, trinken Kaffee und probieren es eine Stunde später abermals, die Steuer zu bezahlen. Wieder haben wir kein Glück. Die Mittagspause scheint heute länger zu dauern. Schließlich gelingt es uns erst kurz vor Abfahrt der Fähre, das Säumige nachzuholen. „Immerhin noch rechtzeitig“, wie der „Steuereintreiber“ auf unsere Frage, wo er denn die ganze Zeit gesteckt habe, knapp antwortet.

Gegen 16.45 Uhr legt die Fähre an. Sofort entspinnt sich ein reges Treiben auf dem Schiff sowie am Anleger. Während Passagiere und Fahrzeuge gleichzeitig versuchen die Fähre zu verlassen, formiert sich bereits eine Schlange Wartender, die die Fähre besteigen wollen, am Pier. Ein heilloses Gewusel beginnt. Es geht schlimmer zu als auf einem Ameisenhaufen, wobei man betonen muss, dass es sich um eine sehr kleine Fähre handelt und es eigentlich kein Problem darstellen sollte das Be- und Entladen zu organisieren. Eigentlich … Für den Mann, der dazu abgestellt wurde, genau das zu tun, scheint es sich allerdings um eine größere Herausforderung zu handeln... Jeder meint, der erste sein zu wollen und ist nur schwer vom Gegenteil zu überzeugen, auch nicht vom Uniformträger der Hafenmeisterei. In Nicaragua fällt uns diese Eigenart besonders auf. Die Menschen lassen wenig Rücksicht walten. Die eigenen Wünsche stehen oft im Vordergrund, dulden keinen Aufschub. Sei es, um laut Musik zu hören, womit gleich die ganze Nachbarschaft mitbeschallt wird, sei es, weil sich der Fischer morgens um 6 überlegt sein Holzboot abzuschleifen oder die Oma von nebenan die Schlager im Radio lauthals mitträllert, die kleine Kirchengemeinde fleißig neue Lieder einstudiert oder ein menschliches Bedürfnis drückt, so dass sich Erleichterung an Ort und Stelle verschafft wird (wir haben Männer mitten in der Stadt auf den Gehsteig pinkeln sehen). Was Andere möchten ist von geringerer Bedeutung, erstmal ich scheint das Motto zu sein. Was anderswo anstößig wirkt wird hier offenbar als nicht aufschiebbare Notwendigkeit betrachtet.

In den warmen Regionen Lateinamerikas, so auch in Nicaragua, findet ein Großteil des Lebens sowieso Draußen statt. Die Familien sind groß, die Wohnverhältnisse entsprechend beengt. Was liegt da näher als am Abend den Gehsteig oder einen Teil der Straße mit zu nutzen. Eins, zwei, drei stehen Schaukelstühle in der lauen Luft und schwuppsdiwupps ist das Wohnzimmer gleich doppelt so groß. Hier lässt es sich herrlich plaudern oder auch Mitverfolgen, was im Fernseher läuft, der oft so positioniert ist, dass man den Bildschirm vom luftigen Salon aus betrachten kann (nur der Ton muss dann etwas lauter gestellt werden). Das ist ganz normal und sehr beliebt.

Insbesondere in Nica-Land empfinden wir die Menschen als nicht mehr ganz so zurückhaltend, wir wir es in den Nachbarländern kennengelernt hatten. Während wir in Mexiko oder Guatemala die Leute regelrecht auffordern mussten näher zu kommen, kennt der Nica fast keine Hemmungen. Wie gesagt, die Großfamilie ist kein Fremdwort, der Wohlfühlabstand deutlich geringer als in Europa. Die Menschen rücken einem hier einfach auf den Pelz! So ist es vorgekommen, dass wildfremde Menschen die Motorhaube von Landy als Schreibunterlage benutzten, andere mit ihrem kompletten Oberkörper darauf lagen, den Kopf lässig auf die Hand aufgestützt oder den Wagen als Steighilfe benutzten, um eine Rampe emporzuklettern. Das ist etwas befremdlich. Ungezählt all die Menschen, die sich mal eben so am Wagen festhalten, wenn sie mit uns sprechen.


Jetzt hier am An- bzw. Ableger sehen wir uns einem ausgemachten Chaos gegenüber, dass kurz vor der planmäßigen Abfahrt des Schiffs um 17.30h seinen Höhepunkt erreicht: damit die Autos am Fahrziel am gegenüberliegenden Seeufer leichter die Fähre verlassen können sollen die Wagen rückwärts auf die Fähre fahren. Als alle Fahrzeuge richtig stehen und auf das Signal „rauffahren“ warten, wird diese Regelung kurzfristig geändert. Die Liegezeit der Fähre im Hafen von Moyogalpa droht kostenpflichtig zu werden. Um keine unnötig hohen Liegegebühren zu zahlen werden alle Autofahrer angewiesen vorwärts auf das Schiff zu fahren, „das geht schneller“. Den ungläubigen Blicken der jeweiligen Fahrer folgen Anfeuerungsrufe „rápido, rápido“. Nach erfolgreichen, neuerlichen Wendemanövern am Pier fahren die KFZ schließlich auf die Fähre, wo sie ihre Parkposition zugewiesen bekommen. Mit 10 Minuten Verspätung legen wir ab Richtung San Jorge.
Je weiter wir auf den See hinauskommen desto stärker bläst der Wind. Eben noch hungrig in ein Brot beißend wird uns durch den hohen Wellengang richtiggehend flau im Magen, so sehr geht es auf und ab. Das Abendbrot wird auf jeden Fall erstmal verschoben. Dafür suchen die Augen konzentriert den Horizont, was mit zunehmender Dunkelheit immer schwerer fällt, so dass das Flauheitsgefühl deutlicher zu Tage tritt. Die Wellen schlagen hoch, so dass die Fähre nur so schaukelt. Auch der Landy schwankt ziemlich, so sehr, dass sich bald ein Mitglied der Fährmannschaft am Bullenfänger zu schaffen macht: er versucht den Wagen an der Reling festzubinden, „damit er nicht umfällt“. Aus der gemütlichen, abendlichen Überfahrt wird also nichts. Wir sind nun nicht mehr nur mit unseren Mägen beschäftigt, sondern zudem bereitet das Schwanken des Wagens ein mulmiges Gefühl. Da die Fähre in der Hafeneinfahrt drehen muss steht der prekärste Teil der Fahrt noch bevor. Um ein Umkippen des Wagens zu verhindern soll er komplett vertäut werden. Dazu wird der Dachträger auserkoren. Unter heftigem Protest können wir verhindern, dass die Mannschaft die Taue um die Befestigung des Trägers schlingt, denn, so unsere Befürchtung, die Dachträger könnten abreißen. Auch dem Vorschlag einen Holm des Autos zu nutzen müssen wir widersprechen. Der Landy ist aus Aluminium konstruiert und ein Holm könnte sicher nicht 3 Tonnen halten, wenn der Wagen kippt … Wegen der tosenden Windgeräusche müssen wir schreien, was die Verständigung erschwert. Die Wellen schlagen über die Reling und nur mit Mühe können wir uns auf Deck auf den Beinen halten, die heftige Gischt tut ihr übriges. Die Hafeneinfahrt rückt näher, ohne dass wir eine Lösung haben. Angestrengt überlegen wir und hoffen, dass kein größeres Drama passiert. Schließlich halten 4 kräftige Männer den Wagen fest, als  der Kapitän zur Wende in der Hafeneinfahrt von San Jorge ansetzt. Dank ihres engagierten Einsatzes geht alles gut. Wir können Landy heil von der Fähre an Land fahren und sind froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

3 Kilometer

„Warum nicht mal wieder ein bisschen gelbe Straße ausprobieren?“, überlegen wir, als wir nach vier Tagen Granada verlassen, um zur Isla de Ometepe zu fahren. „Gelbe Straße“ zu fahren bedeutet, dass wir nicht wissen wie die Straßenverhältnisse genau sein werden, was immer ein bisschen spannend ist. Laut unserem Kartenmaterial handelt es sich bei „Gelben Straßen“ um „geteerte oder ungeteerte Nebenstraßen oder sonstige Straßen“, was für Kartographen aussagekräftig erscheinen mag. Tatsächlich bewahrheitet sich der Straßenzustand in der Praxis. Um genau herauszufinden, was es damit auf sich hat, kommt man nicht umhin, sich auf eine solche Straße zu begeben. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass „Gelbe Straßen“ in gutem Zustand sein können (selten), meistens befinden sie sich in weniger gutem Zustand (mies und oft), aber man bekommt in der Regel viel von Land und Leuten zu sehen und wird durch unverwechselbare, nachhaltige Erlebnisse, die sich nur fern der gut ausgebauten Verkehrswege ergeben, belohnt. Wir beschließen also uns in den letzten Tagen in Nica-Land mal wieder ein wenig Abwechslung in unseren Fahreralltag zu bringen. Statt nach Süden, schlagen wir den Weg nach Westen, Richtung Pazifikküste zum kleinen Ort El Astillero, ein. Unser Zeitbudget sollte diesen kleinen Umweg verkraften, denken wir, als wir am späten Vormittag starten. Zunächst fahren wir einige Kilometer auf der legendären Panamericana, um dann nach Santa Teresa abzubiegen. An der Abzweigung soll die „Gelbe Straße“ beginnen, doch erstaunlicherweise sehen wir uns mit einer sehr guten Asphaltdecke konfrontiert. Das Abenteuer scheint heute nicht auf uns zu warten, was uns ebenso recht ist. Die Uhrzeiger bewegen sich munter auf Mittag zu und ein frühes Mittagessen am Strand wäre ja auch nicht schlecht, meinen wir, als wir Santa Teresa passieren. Nica-Land ist zweifelsohne sehr schön, bedeutet aber auch „Land ohne Hinweisschilder“, weshalb es zu einer eher lästigen Angewohnheit geworden ist alle paar Kilometer anzuhalten, um uns zu vergewissern, dass wir noch in die richtige Richtung fahren. Unser Kartenmaterial ist aktuell, jedoch fehlt hier schon mal die eine oder andere Route. Je weiter wir uns von städtischen Gebieten und von „Roten Straßen“ (Hauptstraßen) entfernen desto notwendiger wird die Maßnahme des Nachfragens, um sich nicht heillos zu verzetteln. An einer Kreuzung unweit Santa Teresas halten wir daher, um uns ein paar Hinweise auf den Weg bei ein paar Jungs, die hier gerade rumstehen, zu holen. Wir sollen immer geradeaus fahren, heißt es, was sich einfach anhört, weshalb wir es beherzigen. Im weiteren Verlauf entpuppt sich diese Aussage allerdings als irreführend. Wir stehen an einer weiteren Weggabelung; kein Schild weit und breit und auch kein Mensch, der uns hier zur Seite stehen könnte. Unserer Intuition – und dem Kompass folgend – bleiben wir stur auf der Straße, die geradeaus führt. Siehe da, die Asphaltdecke wird dünner, bis wir auf Schotter stehen. Also doch eine „gelbe Straße ungeteert“! Die Uhr zeigt 12.15 Uhr an, so dass wir uns innerlich schon mal von einem frühen Lunch am Meer verabschieden. Laut Karte ist es aber nicht weit zur Küste, in einer guten Stunde müssten wir es schaffen dort zu sein und Mittagessen kurz nach 13 Uhr ist ja auch noch o.k. Langsam fahren wir über die steinübersäte Sandpiste. Keine 50 Kilometer von Granada hat uns das Landleben längst wieder. Es gibt keine Steinhäuser mehr, nur hier und dort noch Holzhütten. Ein Meister hat sich daran nicht immer versucht, wie schief zugesägte Latten beweisen. Manche Hütte neigt sich gefährlich zur Seite, als drohe sie gleich zusammen zu fallen. Wir sehen keine Strommasten mehr, dafür einige Brunnen, aus denen mittels Handkurbel Wasser gefördert wird. Außerdem: der Weg wird schmaler und schlechter, vom Pazifik keine Spur, dabei müssten wir die Brandung bereits hören können.

13:15 Uhr: wir halten an einer dieser schiefen Hütten, die dann und wann aus dem trockenen, lichten Wald auftauchen und fragen die Bewohner nach der Entfernung zur Küste. „Es ist nicht weit“, lautet die Antwort. Wir wollen wissen, wie weit es ist. Unser Gegenüber kratzt sich nachdenklich die Stirn. Er überlegt angestrengt. Nach einiger Zeit scheint er mit seinen Überlegungen fertig zu sein und teilt uns mit: „3 Kilometer“. Wir sind etwas unsicher, ob diese Angabe stimmt, fragen lieber nochmal nach, in dem wir ihn bitten, uns einfach zu sagen, wie lange er zum Strand läuft. Die Miene des Bauern hellt sich auf und er sagt uns, dass er eine Stunde zu Fuß unterwegs sei. Hm, wir sind immer noch unsicher, ob das stimmt. Vorsichtshalber fragen wir nochmal nach. „Sí, sí“, beteuert er,“ mit dem Fahrrad dauert es 20 Minuten“. O.k., 1 Stunde zu Fuß, 20 Minuten mit dem Rad, das könnte hinkommen, wenngleich uns nicht klar ist, wie man auf dieser sandig-steinigen Piste überhaupt Fahrrad fahren kann. Der Aussage des Mannes nach zu urteilen könnten wir es schaffen zu einem späten Lunch am Meer zu sein. Auch gut, Hauptsache, der Weg wird nicht schlechter, denn inzwischen tasten wir uns vorsichtig über Unebenheiten unterschiedlichen Ausmaßes, was Höhe sowie Breite betrifft, weichen Felsbrocken, Steinen, Baumstämmen aus und müssen dabei darauf achten, dass der Lack nicht zu sehr von wild wachsenden Zweigen zerkratzt wird.


Wir nähern uns der 3. Flussdurchquerung für heute. In weniger als Schrittgeschwindigkeit schaukeln wir voran. Das Wasser ist an dieser Stelle glücklicherweise glasklar, so dass keiner von uns voraus laufen muss um die Wassertiefe und den Untergrund zu checken. Dennoch, die ersten Siedler, die diese Wildnis mit Planwagen erkundeten, waren sicher nicht langsamer. Im Wagen klappert und scheppert es bisweilen; das gesamte Gefährt befindet sich permanent in Bewegung. Immer wieder muss der Land Rover tiefe Absenkungen in der Piste meistern oder über Felsen klettern, die beim Bau des Weges nicht weggeschlagen wurden. Bei unserem Gewicht von fast 3 Tonnen, dazu die Hauptlast auf dem Dach, ist der Schwerpunkt sehr, sehr hoch, so dass der Landy immer mal wieder in extreme Schräglage gerät. Der Wagen ächzt nicht weniger als wir, denn es ist 35 Grad heiß, es staubt und der schmale Weg ist z.T. stark zugewachsen. Na prima, mal wieder eine Weggabelung, als wir an ebensolcher ankommen. Mal wieder stehen wir mutterseelenallein da. Welchen Umständen auch immer es zu verdanken ist wissen wir nicht, doch in Lateinamerika bleibt man nicht lange allein. Meist reichen ein paar Minuten aus, damit sich jemand blicken lässt. So auch hier. Während wir noch rätseln hören wir Pferdegetrappel und abbrechende Zweige. Ein älterer Mann kommt heran geritten. Wir müssen an die Worte von Rinus, selbst Traveller, denken: „wo ein Weg ist sind auch Menschen“. Wie recht er doch hat, wie gut es doch mitunter tut, jemandem zu begegnen, um sich erkundigen zu können.


Inzwischen ist es 14.15h. Der Reiter zeigt uns mehr, wohin wir fahren sollen, als dass er mit uns spricht. Seine Geste soll wohl heißen „weiter geradeaus“. Wir geben uns nicht damit zufrieden, fragen nach der Entfernung. „3 Kilometer“, sagt er, treibt sein Pferd an und verschwindet so schnell, wie er gekommen ist irgendwo hinter uns im Wald. Unser Magenknurren ist nicht mehr zu überhören. Wir entscheiden uns für eine Mittagspause, bevor wir uns durch die Wildnis weiterkämpfen. Es kann ja eigentlich nicht mehr weit sein, beruhigen wir uns, obwohl uns die Kilometerangabe des Reiters etwas stutzig gemacht hat, denn vor einer Stunde hieß es ja auch schon mal, es seien nur noch 3 Kilometer. Wir müssen daran denken, dass Latinos ungern zugeben etwas nicht zu wissen und dafür lieber irgend etwas erfundenes behaupten ...

Wir essen schnell, wollen keine weitere Zeit verlieren, denn zum Strand wollen wir an diesem Nachmittag auf jeden Fall noch kommen. Der Schweiß rinnt in Strömen, als wir wieder loszuckeln. Wir befinden uns inmitten von Trockenwald. Die knorrigen, trockenen Bäume stehen inzwischen dicht an dicht, die Zweige des Buschwerks am Straßenrand machen unangenehme Geräusche am Autolack, dass es nur so in den Ohren schmerzt. Zusätzlich müssen wir aufpassen, dass wir nicht aufsetzen, denn auch die Bodenfreiheit eines Land Rovers ist irgendwann zu Ende. Während Fred den Wagen langsam durch das Gelände manövriert steigt Rebecca immer wieder aus, um die tief herabhängenden Zweige der Bäume zu checken. Sind sie zu stark müssen wir ausweichen, falls möglich. Meistens klappt es und wir können uns an den Zweigen vorbeimogeln oder sie sind so weich, als dass sie der Dachbox und den darauf montierten Solarmodulen nichts anhaben können. Irgendwann aber geht es nicht weiter. Die Bodenfreiheit ist ausgereizt, der Wegrand links und rechts zu stark bewachsen und ein Ast hängt derart tief, dass wir nicht unter durch fahren können. Was tun? Der unwahrscheinliche Fall, dass unsere Machete zum Einsatz kommen soll, die wir uns in Mexiko zugelegt hatten, tritt ein. Es hilft nichts, der Ast muss ab. Nach einigen Minuten intensiver Hiebe auf den armdicken Ast kapituliert dieser schließlich. Wir sind inzwischen etwas genervt. Es ist 15:15 Uhr, das Licht wird bereits golden und kündigt damit an, dass der Tag allmählich zu Ende geht. In knapp 3 Stunden wird es dunkel sein. Wir haben nicht die geringste Ahnung, wo wir sind noch wie weit es ist, als sich uns ein junger Bursche nähert. Abermals fragen wir, abermals lautet die Antwort “3 Kilometer noch“. Wir schauen uns stirnrunzelnd an und fragen sicherheitshalber nochmal nach. „Ja“, sagt er, „ er sei sich gaaanz sicher.“ „Na gut, wahrscheinlich hat er recht, denn es kann auch nach unserem Gefühl nicht mehr weit sein.“ Wir geben Gas, so gut es der Untergrund zulässt. Längst haben wir aufgehört die Flussdurchquerungen zu zählen, so viele sind es auf dieser einzigen Strecke. Der Straßen-, oder besser Wegzustand hat sich so weit verschlechtert, dass wir ausschließlich im Geländegang fahren. Schon früher hatten wir diesen dann und wann zu Hilfe genommen, wenn es darum ging, besonders schwierige Abschnitte zu bewältigen, doch am Ende des Tages werden wir feststellen, dass wir mehrere Stunden im Geländegang unterwegs waren. Landy hat alle Hände voll zu tun uns durch diese Abgeschiedenheit zu bringen. Auch wir haben zu tun, mal stehen wir an einem Fluss, doch diesmal ist nicht zu erkennen, welche Stelle geeignet ist, um auf die andere Seite zu gelangen. Das Wasser ist trüb, so dass wir weder den Untergrund sehen können noch eine Ahnung davon bekommen, wie tief das Wasser ist. Wir denken an Rinus´ Worte und siehe da, ein Pick-up kommt angeholpert. Der hat´s gut, muss nur sein Leergewicht bewegen. Wir nutzen die Gelegenheit und sprechen den Fahrer an: „Faltan 3 kilómetros“, lautet die knappe Antwort, sagt´s, gibt Gas und holpert davon. Ach was ,gibts hier irgendwo eine versteckte Kamera? Die Uhr zeigt 16:15 Uhr. Ein Blick auf unsere Karte bringt auch jetzt keine Erhellung. Zum Umdrehen ist es längst zu spät. Es bleibt nichts anderes übrig, als weiterzufahren. Immerhin wissen wir, dass das Flussbett befahrbar ist. Früher oder später werden wir schon irgendwo ankommen. Die Hoffnung haben wir noch nicht aufgegeben, versuchen uns gegenseitig aufzumuntern, was aber nur noch halb gelingt. Der Wagen ist komplett eingestaubt, da hätten wir uns die Autowäsche in Granada sparen können. Der feine Staub dringt durch jede Ritze ein. Wegen der Hitze müssen wir die Fenster öffnen, wenn wir selbst nicht zerfließen wollen und natürlich sind auch wir längst staubverkrustet. Landy schaukelt weiterhin durch das unwegsame Gelände und wir sind mächtig stolz, wenn man das so sagen darf, auf unser treues Reisemobil, das auch hier wie eine Nähmaschine schnurrt. Die Straße ist weiterhin knochentrocken, von Furchen, Rillen und Buckeln übersät. Gar nicht so einfach, den optimalen Fahrweg zu finden, wobei die Entscheidung durch die Enge des Weges oft abgenommen wird. Um 17:15 Uhr erreichen wir abermals eine Holzhütte. Davor schaukelt ein Mann in einer Hängematte und schaut uns gleichmütig an, als wir näher kommen. Wir halten. Wir fragen, zum x-ten Mal an diesem Tag. Zum x-ten Mal erhalten wir eine Antwort. Sie lautet – und das ist nicht gelogen - „noch 3 Kilometer“. Wir bedanken uns, können uns ein Lachen aber nicht mehr verkneifen. Nun sind auch wir gleichmütig, fahren stur weiter, es nützt ja nichts. Was hatten wir erwartet? Die Richtung zumindest stimmt, denn unser Kompass lügt nicht.

Eine halbe Stunde später glauben wir unseren Augen nicht zu trauen. Der Weg wird nicht nur breiter, es gibt ein Schild. Darauf steht „Ecolodge und Camping“. Hinter dem Schild steht eine Holzhütte und hinter der Holzhütte öffnet sich der Strand zum Meer hin. Am Horizont versinkt glühend rot die Sonne im Pazifik. Wir sind da. Der Mann in der Hängematte hatte ausnahmsweise recht.


P.S. 1: Neben „Gelben Straßen“ weist unsere Karte „Rote Straßen“ auf. Diese sog. Hauptstraßen sind immer geteert. Daneben existieren „Gestrichelte Linien“, die im Glücksfall bessere Eselspfade sind (einfache Schotterpisten, meist einspurig).

P.S. 2: Warum haben wir eigentlich kein Navi dabei? Weil´s oft nix nützt, denn viele Regionen in Lateinamerika sind kartographisch noch gar nicht erfasst. Insbesondere die nicht-touristischen Orte.



Dienstag, 22. März 2011

Hunde

Wir begegnen tagtäglich Hunden. Viele werden als Wachhunde eingesetzt, um Haus und Hof ihrer Besitzer zu schützen, was sie bereitwillig tun. Nächtens aktiv, dösen sie tagsüber im Schatten der Bäume, sind mehr als brav und man kann sich nicht im geringsten vorstellen, das sie nachts zu wahren Kläffern mutieren, die die komplette Nachbarschaft um den Schlaf bringen.


Die meisten Vierbeiner leben herrenlos auf der Straße, wo sie sich auch unkontrolliert vermehren.


Vor allem die Straßenhunde sind auf Essensreste angewiesen. Sie ernähren sich mehr schlecht als recht von dem, was sie finden, irgendwo klauen oder was freundliche Menschen ihnen vorwerfen. Kein Mülleimer, keine Abfalltüte ist sicher vor ihnen.

Kaum kommen wir auf einen Stellplatz scharen sich auch schon 2, 3 Hunde um uns in der Hoffnung auf etwas Essbares. Meist genügt es, mit etwas Plastik zu knistern, was dem feinen Hundegehör garantiert nicht entgeht und die Streuner stehen regelrecht Schlange. Natürlich fällt bei solchen Gelegenheiten dann und wann etwas aus dem Landy und wird meist direkt aus der Luft aufgeschnappt.


Gewohnt, mit Steinen beworfen zu werden, genügt schon eine ausholende Armbewegung und der Vierbeiner, den Schwanz fest zwischen den Hinterläufen eingeklemmt, nimmt reißaus.

Die Hunde geben ein bemitleidenswertes Bild ab. Die meisten sind unterernährt, bis auf die Knochen abgemagert, krank, haben Ekzeme und manchen ist bereits das Fell komplett ausgegangen. Alle haben Ungeziefer. Sie kratzen sich fortwährend, sind einsam und unglaublich dankbar, wenn man ihnen einigermaßen freundlich entgegentritt. Bei vielen Hunden haben wir den Eindruck, dass sie einfach nur mal gestreichelt werden wollen.


Jeder einzelner würde wahrscheinlich einen sehr treuen Begleiter abgeben. Einige würde man am liebsten einpacken und mitnehmen ...


Donnerstag, 17. März 2011

Granada

Das Turicentro am Ufer des Nicaragua Sees - nur einen Kilometer vom Stadtzentrum Granadas entfernt – bietet eine ganze Reihe Annehmlichkeiten: Sandstrand, schattenspendende Bäume, kühlendes Nass, Spielgeräte für die Kleinen, Bootsausflüge zu den Isletas, Bars und jede Menge Restaurants, die um die Gunst von Besuchern ringen. Die Lage ist zweifelsohne toll. Der Blick geht weiter über den See und die – zum Teil recht steife Brise – lässt den Eindruck entstehen man befände sich am Meer. Erstaunlich, dass hier kein Wassersport stattfindet. Doch so richtig wohl fühlen wir uns nicht, als wir hier unser Lager gegenüber eines Restaurants aufschlagen. Der Besitzer ist zwar unglaublich freundlich, bietet uns neben dem Stellplatz auch die Restauranttoiletten an, aber es ist alles ziemlich schmuddelig. Granada, das mit 110000 Einwohnern ja nicht gerade eine Kleinstadt ist, bekennt sich offen zu den ländlichen Seiten. Anders ist es nicht zu erklären, dass mitten im Stadtgebiet, keine 500 Meter vom zentrum entfernt, Ziegen weiden, Kuhherden herumlaufen und Pferde ihre Kreise ziehen. Wir beobachten das auch in anderen Regionen. In Nicaragua, so scheint es, leben Mensch und Tier nicht nur eng beieinander. Tiere sind allgegenwärtig, auch die großen. Es gibt sehr viel Viehzeug, da dann auch mal muss - saufen, grasen, von A nach B oder einfach nur müssen. Hinterlassenschaften zu begegnen ist daher ebenso häufig wie abruptes Abbremsen, weil gerade mal wieder eine Herde Kühe die Straßenseite wechselt (ohne vorher zu gucken) oder der Ochsenkarren geschwindigkeitsmäßig eben nicht mit den PS-starken vierrädrigen Gefährten konkurrieren kann.
Der unscheinbare Wächter des Restaurants, der von uns ein zusätzliches Trinkgeld erhält, damit er ein Auge auf uns hat, schmälert das unwohle Gefühl auch nicht gerade. Viele „unserer“ Securities, die wir immer auch gerne mit etwas Kleingeld bedenken, wirken nicht immer wie ausgesprochene Helden. Oft fragen wir uns, ob der vermeintliche Schutz, der uns durch die sog. guardias gewährt wird, nicht ein Pseudo-Schutz ist. Beruhigter schlafen lässt es sich dennoch. Der See selbst lädt nicht unbedingt zum Baden ein. Es soll vereinzelt Haie dort drin geben, vor allem aber schreckt uns das, was wir anderntags bei unserem Spaziergang ins historische Zentrum sehen: übelriechende Flüssigkeiten plätschern in Gräbern Richtung Wasser. Nein danke, wir verzichten, beschließen in ein Hotel umzuziehen. Im El Maltese, ebenfalls am Seeufer gelegen, werden wir fündig. Landy hat seinen sicheren Parkplatz, wir sind die einzigen Gäste. Granada, la bella, zeigt sich touristisch-schön. Entsprechend teuer ist die Stadt; sehr sauber und gepflegt. Der Müll wird nicht nur abgeholt, er wird auch getrennt!: die am Straßenrand abgestellten, fest verschlossenen Mülltüten werden von einem Mitarbeiter der Müllabfuhr auf den vorbeifahrenden Müllwagen geworfen. Dort oben warten 4 Kollegen, die jede Mülltüte in Empfang nehmen, mit bloßen Händen aufreißen, den Inhalt auf einen großen Haufen leeren und in Handarbeit beginnen organisches Material von unorganischem zu trennen, Metalle in eine Ecke der Ladefläche zu werfen, Plastik und Glas jeweils in eine andere. Das passiert in rasender Geschwindigkeit, ohne besondere Arbeitskleidung oder Sicherheitsmaßnahmen.

Mülltrennung a la Nica

Die vielen kolonialen Gebäude in Granada beherbergen Geschäfte und Restaurants. Es macht Spaß mal wieder etwas urbanes Leben zu erleben. Nach Herzenslust bummeln, italienisch essen gehen (tolle Pizza), am Pool abhängen, den Pferdekutschen zuschauen. In der French Bakery können wir es uns nicht verkneifen Croissants zu kaufen und auch das herrliche pan integral wandert in unseren Einkausbeutel. So ein guter Bäcker spricht sich natürlich rum, weshalb wir hier Peter und Ursula aus der Schweiz begegnen, selbst auf dem Weg nach Feuerland.

Prachtstraße La Calzada
Wir besuchen das alte spanische Fort, das eigentlich wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist, doch der Wächter lässt uns gegen ein kleines Entgelt trotzdem hinein. Dort drinnen tummeln sich 10 Kinder, die irgendwie alle miteinander verwandt sind und staunen nicht schlecht, als sie erfahren, dass wir mit einem großen Flugzeug nach Amerika gekommen sind. Wichtiger aber ist den Kleinen der Fußball, der, wie überall auf der Welt, auch in Nicaragua (neben dem beliebten Baseball-Spiel) eine große Fangemeinde hat. So klein die Kinder auch sind: dass Deutschland eine (gute) Fußball-Equipe hat wissen sie längst, mehr noch aber interessiert sie, ob wir Messi gut finden …

Granada ist auch Sitz mehrerer Zigarrenfabriken. Die edlen Blätter wachsen im Norden des Landes und werden hier zu Rauchwaren weiterverarbeitet. In Handarbeit schafft ein Mitarbeiter 300-600 Zigarren täglich und wir dürfen auch mal selbst eine drehen ...

Zigarre - selbst gedreht
Noch interessanter ist für uns der Schokoladen-Workshop, den wir besuchen. Zusammen mit 2 Schweizern lernen wir Schokolade herzustellen. Zunächst rösten wir die Kakaobohnen über offenem Feuer, befreien sie von ihrer Schale und zerstoßen sie anschließend im Mörser zu sog. Paste. Nach 2 Stunden Kühlschrank halten wir stolz unsere Tafeln in Händen und können es kaum erwarten, sie zu probieren. Köstlich!
Ein süßes Vernügen Schokolade herzustellen
Da zuviel Süßes bekanntlich dick macht tauschen wir am folgenden Tag den Wagen gegen Räder, um die Halbinsel Asese zu erkunden. Heiß ist´s und staubig. Mehrere Male überholen uns Autos, ein Bus ist auch dabei und wir fühlen uns bald schweißverklebt und eingepudert vom ständig aufwirbelnden Straßenstaub. Nicht nur wir benötigen eine Wäsche nach diesem Ausflug. Ein Blick auf den Landy, als wir wieder im Hotel sind, verrät eindeutig: auch er hat es mal wieder nötig. Also ab in die Autowäsche, die hier immer per Hand erfolgt.

Politur für Landy
Der Bursche, dem wir den Wagen anvertrauen, schaut nicht schlecht, als wir vorfahren. Für den Preis fragt er sicherheitshalber erstmal bei seiner Chefin nach. 50 Cordobas zahlen wir, umgerechnet €1,60. Wir lassen uns in der angrenzenden Kaffeebar nieder und schauen zu, wie sich 3 muchachos um unser Auto kümmern. Der Landy wird großzügig mit Wasser überschüttet, gründlich eingeschäumt, wieder abgespült und zu guter Letzt trockengerubbelt. Nach 30 Minuten blitzt und blinkt der Wagen wie neu, sogar die grüne Farbe ist wieder erkennbar. Natürlich ist es interessant mehr von uns zu erfahren. Schnell füllt sich der Kreis um uns, dem wir bereitwillig Auskunft geben. Die Zuhörerschaft ist inzwischen auf 10 Personen angewachsen, als wir erzählen, dass die Verschiffung des Autos ca. 4 Wochen dauert. Das hat wohl niemand hier vermutet, denn wir ernten ein raunen, begleitet von anerkennendem Pfeifen. Huch, Deutschland ist ja ganz schön weit weg!